Geschichten zwischen Jungen und Mädchen fallen immer wieder verschieden aus. Unsere Geschichte fiel so aus, wie es zu erwarten war. Aus den Augen aus dem Sinn.
Wenn ich heute unsere Fotos anschaue, lache ich darüber, wie naiv wir waren. Wie glücklich, dümmlich wir gegrinst haben und über Zuckerwatte hinweg erzählt haben und kaum daran dachten, dass es meisten alles anders kommt, als man es sich vorstellt.
Gestritten haben wir, als gäbe es nur uns beide auf dieser verdammten Welt und als wären wir es schon Jahrzehnte leid, uns anschauen zu müssen, und vor allem aber, als könnten wir uns nicht einfach umdrehen und gehen. Das verzwickte dabei ist, dass man genau in diesem Augenblick, wirklich alles so sieht, als wäre es nicht möglich einfach zu gehen und als gäbe es nur das Hier und Jetzt und kein Entkommen. Schon meistens eine Woche später denkt man sich dann, wie blöd man eigentlich mal wieder gewesen ist.
Wie unglaublich wundersam blöd.
Und doch macht man es immer wieder und verliert sich in einer Welt, die man sich irgendwie aus den hier und da rumliegenden Pappmachéstücken zusammengebastelt hat. Man klebt dann einfach Rot und Grün zusammen und vergisst dabei, dass diese beiden Farben ja gar nicht so einfach zusammenpassen können und manchmal nimmt man noch ein grelles Gelb dazu, das den Anblick chaotisch werden lässt.
Ich schaue also diese Fotos an und lasse meine Beine baumeln und spüre den Wind der die Schaukel schwingt und alles ist gut und gerne ruhig, man könnte Seifenblasen platzen hören.
Und das tuen sie auch. Aber das sieht niemand. Und hören können die meisten Menschen ja eh sehr schlecht.
Aber hörst du das? Ja, genau, gerade ist wieder eine geplatzt.
Ich habe diesen Jungen kennengelernt, den mit den grünen Augen und dem braunen Haar. Ja, ja ich weiß schon, der Klassiker. Aber was solls, Klassiker sind sogenannte Evergreens, also, warum sollte man nicht auch Jungs kennenlernen, die man immer so behalten kann, wie sie sind und die auch nach Jahren mit einem schiefen Grinsen in dein Zimmer kommen und jedesmal hauen sie dich einfach um.
Eigentlich dachte ich ja, genau so einen hab ich schon getroffen, aber du kennst das ja, man irrt sich allzu oft und diese Welt, also das Ding mit dem Verlieren und Zusammenbasteln, das passiert mir auch ständig.
Nun gut. Der Typ ist für mich eigentlich gar nicht so unglaublich. Aber was ihn unglaublich macht, das ist, wie er zu mir ist. Er nimmt mich an die Hand und zieht mich ans Meer und erwartet gar nichts von mir. Es ist okay für ihn, wenn ich nur dumm starre und nichts sage und meinen Blick über alles schweifen lasse. Und oh wie genau er auch weiß, dass mein Herz eigentlich noch an den alten Fotos hängt und wenn ich mal wieder nicht aufschauen kann, weil es gerade extrem zieht in der Brust, dann lässt er mich einfach und drückt nur die Hand etwas fester und zeigt mir alles kann gut sein.
Wir gehen oft ein Stück am Strand entlang und lauschen den Wellen und wie er es schafft mich zum Lachen zu bringen, lässt mich verwundert drein schauen und manchmal schüttel ich den Kopf über ihn und seine dummen Scherze, genau die, die ich hören will, obwohl sie gar nicht mal so lustig sind.
Sein Name ist schön, er klingt so, wie wenn man eine Muschel an sein Ohr hält, und denkt, man höre das Meer rauschen. Er klingt wie das Knistern der Schallplatte, die Papa so gerne auflegt und lässt mich ruhig werden.
Ich nenne ihn einfach Sternkopf.
Trotz allem, ist er nicht der Junge, den ich auf den Fotos lachen sehe, dessen Gesicht direkt an meinem klebt und nur die Sonnenstrahlen bahnen sich den Weg dazwischen.
Als Sternkopf mich zum ersten Mal geküsst hat, hab ich direkt an diesen Jungen gedacht, und die Fotos haben geraschelt unter meinen Händen und mein Herz hat ganz laut geschrien, denn es wusste ja so gut wie ich, dass das nicht der Richtige ist.
An manchen Tagen, wenn die Sonne nur ganz schwach noch scheint und eigentlich der Nebel schon durchkommt, setze ich mich in diesen alten Baum am Schloss.
Kennst du den? Er ist wirklich groß aber man kann ganz leicht hineinklettern und wenn du erstmal da drin sitzt, sieht dich niemand mehr.
Ich sitze dann dort und in meinem Kopf spielen sich viele Lieder ab. Lieder von dem Jungen, der entschieden hat ohne mich zu sein, und dem Sommer.
Der Junge, er weiß nicht, dass ich hier bin. Aber seinetwegen bin ich da.
Sternkopf und ich, wir erleben die schönsten Dinge und ja, wirklich, sie fühlen sich verdammt gut an. Aber es ist nicht Liebe, es ist nur ein bischen verknallt sein und das ist nicht schlimm, denn ich weiß ja, dass es nicht so endet wie mit uns. Ich gehe vorher einfach und lasse gar nicht erst zu, dass ich mich verliebe. Oder er sich. Und wenn schon, bald bin ich weg. Weit weg. Und weil das wirklich so ist, macht es das alles eigentlich ganz einfach.
So verknallt sein, ohne wenn und aber ist schon ganz cool. Vor allem weil wir wissen, dass es nicht tragisch mit einer Beziehung endet. Dann kannst du durch die Nacht tanzen frei wie ein Vogel und hier und da bekommst du einen Kuss auf die Wange aber du weißt, dass es nicht so ist, dass der andere dich als sein Eigen sieht. Dass er nicht nach deinem Herz zu greifen versucht und sich kaum noch halten kann ohne dich.
Was meinst du? Nein, natürlich macht das nicht auf Dauer glücklich.
Aber fliegen wie ein Vogel durch die Nacht? Hör mal, wer da draußen behauptet bitte, dass er das nicht von Zeit zu Zeit gerne tut?
Er möge nun vortreten und seine verkümmerten Flügel zeigen.
Gestern Nacht waren wir beide betrunken. Wir haben Bier und Wein getrunken, wie Wasser und über Witze gelacht und Geschichten erzählt. Man muss dann manchmal aufpassen, dass man sich nicht hinreißen lässt, zu irgendwelchen dummen Sprüchen, die einfach ausdrücken was man gerade fühlt, die aber eigentlich viel mehr umfassen.
Zum Beispiel hatte ich das Gefühl,als Sternkopf und ich am Meer saßen, Kopfüber hinabhingen von einem kleinen Vorsprung, um so den Himmel besser erfassen zu können, dass ich sagen könnte „ich liebe dich“. Es war auch wirklich so.
In diesem einzigen Augenblick, in dem mir der Satz durch den Kopf huschte, da liebte ich diesen Mann dafür, was er dort machte. Was er mit mir machte. Das Blut ist mir in den Kopf geschossen vom runterhängen und hat mir das Gefühl gegeben, als könnte ich plötzlich alles und als wäre wirklich alles ein Kinderspiel. Es war unglaublich, schrecklich schön, das zu fühlen, nach all diesen Tagen, in denen ich vergeblich nach Farben gesucht habe und nur auf graue Wellen von Übelkeit gestoßen bin.
Aber nun stell dir vor ich hätte das gesagt.
Ich habe in meinem Zimmer ein riesiges Poster, auf dem alle Arten von Schmetterlingen abgebildet sind. Es ist verwunschen schön und ich liebe es, einfach auf meinem Bett zu liegen und mir diese Schmetterlinge anzuschauen. Das kann Stundenlang so gehen.
Warum ich das erzähle, ist eigentlich ganz einfach. Diese ganzen schönen Schmetterlinge, die hatte ich schon einmal in meinem Bauch. Und ab und zu, da sind sie plötzlich alle wieder darin, weil ich dann wieder begreifen kann, wie schön es ist zu leben.
Manchmal zaubert sogar Sternkopf sie in meinen Bauch aber meistens sind es meine Freundinnen, die genau wissen, wie gut leben ist.
Und überhaupt, weißt du denn, dass Wundertüten auch noch mit 22 angebracht sind?
Weißt du was ich mag? Dich.
Ich hoffe in meiner Wundertüte findet sich etwas langlebiges. Zum Bespiel ein Jo-Jo oder ein Flummi. Mal ehrlich, wer wirft so etwas weg? Und wie oft findet man einen Flummi wieder? Verstaubt unterm Bett hast du ihn jahrelang vergessen, dann räumst du endlich mal gründlich auf, und zack, Überraschung, der Flummi ist da. Und die kleinen Glitzerstücke darin erinnern dich an deine Kindheit mit deinen besten Freundinnen in der Puppenküche oder in der Höhle unterm Küchentisch.
Verdammt komisch so ein Flummi. Wozu ist der eigentlich nütze?
Ich glaube, um verstaubte Erinnerungen wach zu machen.
Boing…., naaa haste ihn gegen den Kopf bekommen?
Wenn ich mit vorstelle, das Leben sei wie ein Film, dann wünsche ich mir oft, zurückswitchen zu können, zu dem Punkt im Programm, als wir lachten im Garten unter dem Wasserschlauch, als wir rannten, um den Drachen fliegen zu lassen, als wir die Schüppe am Strand pfeilschnell runtersausen ließen, um eine blaue Qualle in zwei Hälften zu teilen.
Diese Kugelbahn, am Strand in Frankreich, erinnerst du dich an die? Papa hatte sie aus dem nassen Sand gebaut und die grünen, blauen, gelben und roten Kugeln sind nur so dadurch gerollt und wie wir uns freuten, als sie am Ende laut klackerten, als sie zusammenstießen. Unser Bruder war damals noch gar nicht da.
Diese schönen Momente vermisse ich und suche nach diesen Momente in den heutigen Vorkommnissen, aber es ist schon verdammmt schwer, etwas derartiges noch einmal zu finden.
Wie still man auf der Wiese lag und hören konnte, wie die Biene direkt neben dir auf einer Kleeblüte summte. Zzzzzzzzzzz.